Max' Tod

Max mußte am 22.4.2016 um 16:30 Uhr von seinem Leiden erlöst werden. Die regelmäßigen Besucher dieser Seite werden sich fragen, warum diese Entscheidung getroffen werden mußte. Ich will versuchen, eine Antwort zu geben.

Max ist seit 2012 Diabetiker. Parallel dazu entwickelte er eine Gehbehinderung, deren Ursprung nie geklärt wurde. Das Wissen, ob eine degenerative Erkrankung vorliegt oder gar ein Karzinom, hätte weder Max noch mir noch den Tierärzten geholfen, weil Rückenmarktherapien schwierig bis unmöglich sind.

Am 27. Februar mußte Max in die Sprechstunde der Tierklinik in Berlin-Biesdorf gebracht werden. Er hatte das Futter verweigert, das linke Auge geschlossen, das leicht tränte, und sich versteckt. Der Arzt diagnostizierte einen gesunden Kater. Die 39,5°C wurden als normal eingestuft, das Auge weise keine Beschädigung auf. Nach drei bis vier Minuten waren wir wieder fertig, ich wartete draußen noch auf die Nierenwerte, welche in Ordnung waren.

Am Montag darauf ließ ich ihn von unserer Stammtierärztin untersuchen, weil sich sein Zustand sogar noch verschlechtert hatte. Sie war enttäuscht wegen des Vorgehens des Tierarztes am Wochenende, denn Max hatte mit 39,6°C weiterhin Fieber, eine Bindehautentzündung und Schmerzen. Sie verabreichte Antibiotika und ein Schmerzmittel und gab mir ein fiebersenkendes, schmerzstillendes Medikament mit auf den Weg, welches der rote Teufel am nächsten Tag auch problemlos annahm. Sein Zustand besserte sich zusehends, er fraß auch wieder mit dem gewohnten Appetit.

Jetzt verläßt mich ein wenig die zeitliche Orientierung, weil so viele Dinge parallel meine Aufmerksamkeit erforderten, aber Tierarzthelferin Nicole war mir eine große Hilfe bei der Zuordnung.

Max mußte am 18.3. erneut vorgestellt werden, weil er wieder ein heißes Köpfchen hatte. Die Temperatur war erhöht, also bekam er erneut eine Spritze.

Am 22.3. wurde Suse operiert und ich hatte meine eigene OP eine Woche später, weswegen ich die Pelztyrannen 28 Stunden allein lassen mußte. Max war reichlich verstört, als ich wieder nach Hause kam, fraß aber. Suses Naht sah gut aus, wenngleich sie nicht glücklich über die Halskrause war. Ich dachte, wir sind über den Berg. Am nächsten Morgen hatte ich eine starke Nachblutung, deren Geruch alle drei offensichtlich etwas mitnahm.

Suses Termin für das Fädenziehen konnten wir hinausschieben. Bei Katzen sei das nicht so problematisch wie bei Hunden, die schnell Schwierigkeiten mit Entzündungen der OP-Naht hätten. Max aber ging es wieder schlechter, wieder hatte er hohe Temperatur, wieder versteckte er sich, wieder bekam er Antibiotika, wieder verbesserte sich sein Zustand. Am 1. April herum verschlechterte sich sein Zustand erneut. Er versteckte sich im Arbeitszimmer unter dem Sessel und ließ sich den ganzen Tag nicht blicken. Dann kam er ins Bad und ich hob ihn hoch. Plötzlich fiel er in sich zusammen, jammerte lautstark und rutschte mir beinahe aus den Händen. Sicherheitshalber testete ich seinen Blutzucker, weil ich eine Hypoglykämie befürchtete, aber der war sogar leicht erhöht. Dann setzte ich ihn auf seinen Lieblingsplatz auf dem Fensterbrett -- und er stürzte ab. Max konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Also fuhr ich mit ihm sofort wieder zur TÄ. Er hatte leicht erhöhte Temperatur, kein Fieber, aber innerhalb von zwei Wochen 400 Gramm Gewicht verloren. Also wurde ein Großes Blutbild veranlaßt. Sicherheitshalber erhielt er seine Antibiotika und eine Extraportion Futter aus der großen Plastikspritze. Außerdem verabreichte ich ihm täglich eine halbe Tablette für sein Herz. Max' Befinden verbesserte sich allerdings nicht allzu sehr. Da alle drei an dem Tag futtermäulig waren, entzog ich ihnen einen Tag lang das Fressen ganz. Am nächsten Morgen verschlang der rote Teufel seine 70 Gramm Hühnchen schnurr-schmatzend und mit sichtlich großem Appetit. Seitdem fraß er zwar, aber nicht allzu viel -- je nach Futtersorte. Wählerisch war sein Mäulchen allerdings schon immer. Andere Auffälligkeiten zeigte er nicht; er kam auch wieder zum Schmusen.

Der Blutbefund war perfekt. Alle Werte waren normal, selbst sein Langzeitzucker (404) lag nur wenig über dem einer gesunden Katze. Mal fraß er, mal fraß er nicht, auf jeden Fall aber nie übermäßig. Auch verschiedene Futtersorten nebeneinander konnten ihn nicht zum Vielfraß machen. Aber: Seit dem Fädenziehen bei Suse am 15.4. baute er noch einmal ab, was ich einer überlasteten Psyche zuschrieb, denn das kleine Rabenaas brüllte Wohnung und Haus zusammen, als es zu Frau Doktor ging. Max zeigte sich fortan noch verstörter, jammerte, sobald ich mich ihm näherte, und verweigerte das Fressen teilweise ganz, stets unter großem Klagen. Mehr als zum kurzen Nippen und Schlabbern ließ er sich nicht am Futternapf blicken. Ich ließ ihn vorsichtshalber in Ruhe, weil ich annahm, er setze meine Zuwendung mit einem baldigen erneuten Tierarztbesuch gleich. Leider half ihm auch das nicht. Er gab nur noch ein trauriges Bild ab. Ich hielt am Mittwoch, dem 20.4.2016, mit der Tierarzthelferin Lisa (Dank auch an sie) und am Donnerstag, dem 21.4.2016, mit der TÄ telefonisch Rücksprache. Meine Frage, ob hier vielleicht nur ein drastischer Fall von Traumatisierung vorliegen könne, beantwortete sie negativ. So tief -- Verstecken, Futterverweigerung -- könne eine katzenpsychische Problemlage nicht gehen. Leider würde sie am darauffolgenden Montag und Dienstag nicht anwesend sein. Also kamen wir überein, daß ich Max beobachtete und am Mittwoch vorstellig werden würde, um ihn von seinem Leiden zu erlösen.

Da er sein Versteck seit Mittwoch, dem 20.4., im Wohnzimmer unter der Schlafcouch oder unter dem Schaukelsessel eingerichte hatte, sah ich das als Verbesserung an. Er trank regelmäßig und benutzte auch das Katzenklo. Sein Gang war allerdings schwankend, näherte ich mich ihm, lief er halb schlingernd und orientierungslos davon, fand sich aber weniger später wieder im Wohnzimmerversteck ein. Gefressen hatte er nur wenig.

Am Donnerstagmorgen und am Abend, nach dem Gespräch mit der Tierärztin, verweigerte er das Futter ganz. Ich stellte ihm einen Napf mit intensiv riechendem Thunfisch vor die Nase, etwas, das er nie abgelehnt hätte, und sprach ihm mit Tränen in den Augen Mut zu. Er schleppte sich die wenigen Zentimeter zum Napf, nippte laut schnurrend, aber fraß nicht. Sein Schnurren intensivierte sich in Lautstärke und Tonhöhe, aber er nahm einfach nichts zu sich, so, als ob ihn sein Lebensmut verlassen hätte. Als Max sich am Wassernapf aufhielt und sich danach in die Küche legte, lockte ich ihn mit einem Finger voller Fruchtjoghurt zu mir -- eine liebgewonnene Tradition. Er mauzte laut auf und kam schnurrend zu mir. Vor dem Finger blieb er stehen -- und tat nichts. Nicht einmal ablecken wollte er ihn.

Diese Quälerei konnte ich nicht mehr mit ansehen. Am Freitagvormittag holte ich ihn zu mir auf die Couch, streichelte ihn einige Minuten lang und versuchte, ihm etwas Joghurt einzuflößen. Das Tragen begleitete er nicht mehr mit einem Angstmiauen, sondern nur noch mit einem lauten Fiepen und behinderter Atmung. Er lehnte den Joghurt ab, hielt das Mäulchen geschlossen und drehte irgendwann genervt den Kopf weg. Das Streicheln und Kämmen quittierte er mit einem ganz leisen Schnurren, dann versteckte er sich wieder.

Das war für mich der Punkt, Max entweder auf ein mögliches Vestibularsyndrom hin untersuchen oder aber ihn von seinem sichtlichen Leiden erlösen zu lassen. Also holte ich Max aus seinem Versteck, zeigte ihm noch einmal den Blick aus dem Fenster (er fiepte wieder schrecklich laut und atmete schwer) und fuhr mit ihm in die Praxis. Die TÄ war von seinem Anblick ebenso entsetzt wie ich. Er wog nur noch 5,6 Kilogramm, hatte also innerhalb der letzten zehn Tage 600 Gramm an Gewicht verloren, auf der Wage stand er unsicher und fiepte -- ob vor Angst oder wegen Schmerzen oder beidem, kann ich nicht sagen. Sie bat mich dringend, ihn gehen zu lassen, und so entschied ich mich, dem Leiden meines kleinen Lieblings ein Ende machen zu lassen.

Die erste Narkose war für einen 10-Kilo-Hund bemessen. Max schlief ein, zeigte aber noch deutliche Reflexe. Ich blieb natürlich die gesamte Zeit an seiner Seite. Als ich ihm nach einigen Minuten des Streichelns die Hand auf die Seite legte, bemerkte ich ein kaum hörbares Schnurren. Ich hoffe sehr, es war nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Erleichterung, keine Schmerzen mehr zu spüren. Als ich ihm mit dem Zeigefinger in den Ballen der linken Vorderpfote drückte, mauzte er leicht auf, ließ die Krallen etwas spüren und zog die Pfote leicht an sich -- wie er es beim Schmusen immer gemacht hatte. Mir selbst war dabei elendig zumute.

Max benötigte noch drei weitere Injektionen, bevor er keinerlei Reaktion mehr zeigte. Der tapfere kleine Lulatschkater kämpfte wie ein Bär um sein Leben. Dann wurde die letzte Spritze verabreicht.

Seit dem 23.4. befindet sich sein Leichnam in der Kühlhalle des Tierheims Berlin, wo er auf dem Tierfriedhof sein Grab bekommen wird. Die Beerdigung ist auf den 6.5 festgelegt worden. Ich habe mich für ein kleines Urnengrab entschieden. Das bin ich meinem kleinen, großen, tapferen roten Mauzebärchen schuldig.

Bitte verzeih mir, Max.


Hier werdet ihn demnächst eine kleine Bildergalerie zum Andenken an Max finden. Ich denke, er hat es sich verdient. Sein virtuelles Grab findet ihr hier: Klick!, und hier ist sein Platz auf der Regenbogenwiese: Klick!

Lebe wohl, kleiner, großer, tapferer, geliebter Kater. Lebe wohl.